Nachruf Egon Günther (30.03.1927 – 31.08.2017)

01.09.2017, 15:46

Egon Günther probte 1994 mit Studentinnen und Studenten der Filmuniversität (damals noch HFF) „King Lear“. Er las, er schwieg laut, er dirigierte, er spielte an. Geprobt und gedreht wurde im kleinen Atelier des ehemaligen Dokumentarfilmstudios in Alt Nowawes. Der Darsteller des Lear war Rolf Ludwig, der langjährige Freund und einer seiner bevorzugten Schauspieler. Egon Günther ist gestern im Alter von 90 Jahren gestorben. Wir haben einen der wichtigen und erfindungsreichsten Regisseure des DEFA-Films verloren.

Der gebürtige Schneeberger hatte Pädagogik, Germanistik und Philosophie in Leipzig studiert und war seit 1958 bei der DEFA beschäftigt. Ihn interessierte die Gegenwart in der DDR – und genau dieser kritische, bisweilen extravagante Blick auf das aktuelle Leben machte seine Filme für die Oberen zu Verbotsobjekten: „Wenn du groß bist, lieber Adam“ wurde gar nicht erst fertiggestellt, geriet in die Mühlen des 11. Plenums der SED 1965, „Abschied“ kurz nach seinem Kinostart nicht mehr aufgeführt. Nach „Die Schlüssel“ verlegte sich Egon Günther auf das scheinbar unverfängliche Genre der Literaturverfilmungen, drehte 1975 „Lotte in Weimar“ mit Lillie Palmer und weitere Filme, die sich Leben und Werk von Johann Wolfgang Goethe zuwenden: die Klassik als Flucht und Chance, Brücken zur Gegenwart zu bauen. 1977 dann der Austritt aus dem Verband der Film- und Fernsehschaffenden und ein Jahr später die Übersiedlung in die Bundesrepublik. Mit „Stein“ kehrte Egon Günther 1990 zur kriselnden DEFA zurück, wiederum mit dem überzeugenden Rolf Ludwig in der Hauptrolle. 1999 folgte sein letzter Spielfilm „Die Braut“ – und alles andere als nebenbei arbeitete er mit seinen Studentinnen und Studenten an der Babelsberger Filmhochschule.

Dem Filmmuseum Potsdam hat Egon Günther über Jahre die Treue gehalten, war Gast, Laudator, kritischer Gesprächspartner. Sein äußerliches Markenzeichen blieb die Jeansjacke, gleichsam das nach außen gekehrte Innere eines aufmüpfig-jungen Geistes. Sein Nachlass befindet sich in den Sammlungen des Hauses.

Im Rahmen der Film- und Veranstaltungsreihe „Junger Werther, neuer Werther“ zur Weimarer Klassik im Film vom 06. – 15. Oktober 2017 würdigt das Filmmuseum Potsdam Egon Günther. Er bleibt für uns unvergessen. Wir sind in Gedanken bei den Angehörigen.

Prof. Dr. Susanne Stürmer, Präsidentin der Filmuniversität

Prof. Dr. Ursula von Keitz, Direktorin  des  Filmmuseum  

Dorett Molitor, Sammlungsleitung, Filmmuseum                  

Dr. Ralf Forster, Stellv. Sammlungsleiter, Filmmuseum

Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF und FILMMUSEUM POTSDAM

© Filmuniversität 2017


Logo Filmuniversität