Summer School Filmbildung

Filmuni Summer School Filmbildung "ECHT?! Wie konstruieren Filme Wirklichkeit?"
Schul- und fächerübergreifende Fortbildung für Lehrer*innen

Wann wirken fiktionale Filmstoffe glaubhaft? Kommen dokumentarische Filme ohne Klischees, ohne mediale Konventionen aus? Wie verändert die Montage den Sinngehalt von filmischem Material? Welche Realität zeigen Kamerabilder?

Kurstermin: 15.-17.8.2019, Do.-Sa. 9:00-18:00 Uhr 

 

Teilnehmendenzahl: max. 30 Personen  

Sprache: Deutsch

Veranstaltungsort: Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF

Wir laden Lehrerinnen und Lehrer zu einer schul- und fächerübergreifenden Fortbildung an der Filmuniversität Babelsberg ein. Unter dem Motto "ECHT?! Wie konstruieren Filme Wirklichkeit?" wollen Dozent*innen und Studierende aus ihrer Filmpraxis heraus den Blick für ästhetische und inhaltliche Eigenheiten des Mediums sensibilisieren. Orientiert an den zentralen Standards des Basiscurriculums Medienbildung verknüpfen wir rezeptive und kreative Ansätze und gehen dabei aus unterschiedlichen Perspektiven der Frage nach, wie Filme Wirklichkeit konstruieren. Erkenntnisse und Inspiration aus Vorträgen, gemeinsamen Sichtungen und Gesprächen mit Filmemacher*innen und aus eigenen filmpraktischen Übungen sollen in konkrete Ideen für den Unterrichtsalltag münden.

Programm

Donnerstag, 15.08.2019

9:00-9:30            Ankunft der Teilnehmer*innen

9:30-9:45            Begrüßung und Einführung, Prof. Dr. Susanne Stürmer, Beate Rabe

9:45-10:45          Impuls: „Ein Plädoyer für Filmbildung“, Dr. Bettina Henzler

Was können wir von Filmen lernen und warum gehören Filme in den Schulunterricht? Diese Fragen sind schon so alt, wie das Kino selbst. Sie gewinnen aber angesichts der Digitalisierung, die es heute jedem ermöglicht, selbst Filme zu drehen, zu schneiden und zu veröffentlichen, ein neues Gewicht. Mit Blick auf die Geschichte der Filmbildung und ihre vielfältigen Ausprägungen in der Arbeit von Kinos und Filmmuseen, Filmkritik und Filmhochschulen, fragt der Vortrag nach dem Bildungspotential des Bewegtbildes und seiner Relevanz für die zeitgenössische Pädagogik und Bildungsarbeit. Dabei plädiert er für eine Verbindung häufig getrennt gedachter Felder: Filmbildung sollte das Sehen und Machen zusammenzuführen, Filmgeschichte als einen Zugang zur Gegenwart vermitteln, analoge und digitale Techniken einbeziehen, und die filmische Konstruktion von Wirklichkeiten ebenso wie die ästhetische Wahrnehmung und emotionalen Erfahrung von Filmen berücksichtigen.

10:45-11:00        Kaffeepause

11:00 – 12:30    Filmische Wirklichkeiten Nr. 1: Dramaturgie: „Sagen lassen sich die Menschen nichts, aber erzählen lassen sie sich alles.“ (Bernard v. Brentano), Prof. Jens Becker

I. Die Wirklichkeit und ihr filmisches Abbild: Was kann man glauben?

  • Ist Authentizität identisch mit Glaubwürdigkeit?
  • Dramaturgie des Dokumentarfilms: handlungsgeleitet vs. themengeleitet
  • Der Wahrnehmungsvertrag mit dem Zuschauer
  • Strukturen, Erzählweisen und Genres im Dokumentarfilm

 

II. Glaubwürdigkeit von Figuren im Spielfilm: Mensch zwischen Individuum und Normverhalten.

  • Individualität, Stereotyp und Vorurteil unterscheiden
  • Charaktermodelle zur einfachen und komplexen Erschaffung von Charakteren
  • Konfliktbau und Steigerung

 

III. Abbildung von Wirklichkeit in neuen Medien – Spiegel oder Zerrbild?

  • Dramaturgie und Charakterentwicklung in Streaming- und Webserien, sowie in Games
  • aktuelle Situation alter und neuer Medien und ihre Entwicklungstendenzen

 

12:30 – 13:30    Mittagspause

13:30 – 17:30     Praxisübungen in zwei parallelen Workshops mit jeweils 15 Teilnehmer*innen:

A) Seminar und Praxisübungen zur Vertiefung in Dramaturgie, Prof. Jens Becker

  • Aufbau des Drehbuchs, Szenendesign
  • Exposé für den Dokumentarfilm, Erwartung und Wirklichkeit
  • Schritte des Filmemachens als Unterrichtsbestandteile
  • Rollenverteilung / Aufgaben beim Filmemachen
  • Rechtlicher Rahmen (Urheberrecht)
  • Praxisübungen:
  • einfache Schreibübungen – Heranführung an das Storytelling
  • Porträtfoto-Übung: Stereotyp und Wirklichkeit
  • Charaktere bauen mit 2 Charaktermodellen – eine Übung
  • das erste, das mittlere und das letzte Bild – simples Storytelling
  • 2 Gemäldeübungen zum Szenendesign (Vorbereitungsszenen, Handlungsszenen, Reflektionsszenen)

 

B) Praxisworkshop Filmisches Erzählen „Fragmente in Beziehung schneiden“, Martin Dorr

Das Verstehen dramaturgischer Gesamtstrukturen eröffnet eine erweiterte Sicht auf das filmische Erzählen und ein tieferes Verstehen filmischer Narration. Als zentral für das Entschlüsseln der tieferliegenden narrativen Struktur erweist sich der Einsatz eines geeigneten Filmstrukturmodells. Das 8-Sequenzen-Modell nach Oliver Schütte ermöglicht eine besonders klare Strukturierung, welche selbst komplexe Filmgeschichten in übersichtliche Einheiten gliedert.

Der praxisorientierte Workshop Fragmente in Beziehung schneiden bietet die Möglichkeit, anhand exemplarischer Filmausschnitte dramaturgische Grundprinzipien zu erkunden und das 8-Sequenzen-Modell nach Oliver Schütte praktisch zu erschließen. Das Zusammenfügen von Filmausschnitten nach vorgegebenen dramaturgischen Prinzipien zeigt, wie die Analyse filmischer Erzählstrukturen praxisorientiert erfolgen kann, ohne gleich einen eigenen Film zu drehen und ist in den Unterricht aufgrund des überschaubaren Zeit- und Ausstattungsbedarfes gut zu integrieren. Durch die Auswahl der Filmausschnitte werden zugleich stereotype Geschlechterrollen bzw. -zuweisungen aufgezeigt und überwunden.

 

19:00 – 21:00     Filmveranstaltung im Filmmuseum Potsdam

 

Freitag, 16.08.2019

9:00 – 09:30       Reflexion Tag 1, Beate Rabe

9:30 – 10:30       Filmische Wirklichkeiten Nr. 2 Montage: Editing Gender – Geschlechterkonstruktion in der Filmmontage, Susanne Foidl

Am Anfang gibt es keinen Film als Ganzes, es existieren lediglich viele Stunden gedrehten Materials und erst in der Montage entsteht die Struktur, die Erzählung, der Sinn. Montage zeigt und lässt doch das Meiste weg. Montage ist Auswahl und Anordnung. Im Montageprozess werden viele Entscheidungen getroffen, Einstellungen bewertet, Zusammenhänge beurteilt. Wenn wir urteilen, dann urteilen wir als Teil einer Gesellschaft, sagte Hannah Arendt. Inwiefern zeigt sich das in einer Filmkonstruktion? Welche Figuren im Film fühlen sich stark, welche schwach? Wer ist gewalttätig, wer harmoniebedürftig? Welcher Figur schreibt die Montage welche Eigenschaften zu und wie ist diese Zuschreibung gestaltet? Welchen Einfluss haben Auswahl und Anordnung auf die Geschlechterkonstruktion und was passiert, wenn wir diese Anordnung verändern? 

De- und Remontagen von Filmszenen veranschaulichen wie einfach es doch ist, mit filmischen Mitteln stereotype Darstellung von Geschlecht herzustellen, fortzuschreiben oder auch aufzulösen.
 

10:30-11:00        Kaffeepause

11:00-12:30       Filmische Wirklichkeiten Nr. 3 Bildgestaltung: Wie verändern bildgestalterische Mittel die Wahrnehmung des Gefilmten? Ines Thomsen

Jedes Kamerabild ist eine Konstruktion, ein bewusst gesuchter Ausschnitt der Wirklichkeit, eine Inszenierung, eine wertende Perspektive, hat einen „doppelten Boden“, indem es Faktisches zeigt, das auch symbolisch wirkt und Stimmungen vermittelt, Protagonist*innen „ins richtige Licht“ setzt usw. Die Teilnehmer*innen bekommen vertieftes Verständnis für das Verhältnis zwischen Kamerabild und Realität und dafür, dass Filme Haltungen wiedergeben, aber keine objektiven Wahrheiten vermitteln können – ein entscheidender Aspekt für die Rezeption von Bewegtbild-Inhalten im Unterricht und für eigene filmische Arbeiten. Auch eine praktische Übung wird dabei sein.

12:30 – 13:30    Mittagspause

13:30 – 17:30     Praxisübungen in zwei parallelen Workshops mit jeweils 15 Teilnehmer*innen:

A Praxisworkshop Filmisches Erzählen „Fragmente in Beziehung schneiden“, Martin Dorr

B Seminar und Praxisübungen zur Vertiefung in Dramaturgie, Prof. Jens Becker

17:30-18:00        Kaffeepause

18:00                     Filmscreening und Gespräch mit Studierenden der Filmuniversität

„Tracing Addai“, animierter Dokumentarfilm, 2018, 29‘, Esther Niemeier, Regie

Der animierte Dokumentarfilm erzählt eine erschütternde Geschichte: Der junge Addai, Sohn einer Deutschen und eines Afrikaners, zieht nach einer psychotischen Erkrankung und der Konversion zum Islam mit Anfang 20 nach Syrien in den Bürgerkrieg. Traurig, wütend und voller Selbstzweifel versucht seine Mutter die Entscheidung des Sohnes zu verstehen und über sporadische Handy-Nachrichten Kontakt zu ihm zu halten. Durch Unschärfen, Kolorierung und graphische Konturierung erzählen die Bilder trotz präzisen Bezugs zum syrischen Konflikt eine universelle Tragödie, eine authentische Geschichte – wiedergegeben in komplett verfremdeten Bildern.

 „Mascarpone“, 2017, 15‘, Animationsspielfilm, Jonas Riemer, Regie

Der verträumte Filmvorführer Francis rammt mit seinem Auto unabsichtlich die Limousine des zwielichtigen Unterweltbosses Mascarpone – was ihn von einer Sekunde auf die andere in einen Hollywood-Gangsterfilm katapultiert. Im kongenialen Zusammenspiel von Realfilm und handgefertigter Animation entsteht eine filmische Illusion, die zugleich effektiv komprimierte Genrehommage ist. Agiert wird nach allen Regeln der Mafia-Film-Kunst – aber in Straßenschluchten und Autos aus Pappe: Eine nicht vorhandene Wirklichkeit wird als Attrappe sichtbar.

Beide Filme sind ausgezeichnet mit dem Prädikat „besonders wertvoll“.

 

Samstag, 17.08.2019

9:00 – 09:30       Reflexion Tag 2, Beate Rabe

9:30 – 12:30       Cinema en curs: Das Licht auf dem Gesicht, Dr. Jon Echeverria

„Cinema en curs – filmen macht schule“ ist ein internationales Filmbildungsprogramm für Schulen, das an jeder Schulform durchgeführt werden kann. Das Programm verbindet Filmrezeption und -analyse ausgewählter Filmausschnitte im Klassenzimmer mit der praktischen Umsetzung von Filmübungen, die in die Konzeption, Recherche, Planung, Produktion und Umsetzung eines gemeinsamen Dokumentarfilmprojekts der Schüler*innen münden. Dabei liegt der Schwerpunkt auf der künstlerisch-ästhetischen Sensibilisierung. Das Programm bietet die Möglichkeit, in einem Zug das Medium Film und die eigene Alltagsrealität mit neuen Augen zu sehen und dadurch schließlich sich selbst und die Welt, die einen umgibt, besser kennenzulernen.

Ausgehend von der Analyse ausgewählter Filmausschnitte, werden die Teilnehmer*innen eine praktische Übung machen: „Das Licht auf dem Gesicht“. So können die Teilnehmer*innen der Kraft des Mediums Film nachspüren und die Freude daran entdecken, Momente mit der Kamera festzuhalten und gezielt Kompositionen zu finden - letztlich die unendliche Vielfalt filmischer Möglichkeiten zu erfahren. Sie werden mit Begeisterung feststellen, wie sich alltägliche Dinge und Momente verändern, wenn man sie durch die Kamera betrachtet und gemeinsam nach ästhetischen Gestaltungsmitteln sucht, die sie so zu Filmbildern werden lassen.

12:30-13:00        Zusammenfassung und Abschluss

Referent*innen

Prof. Jens Becker | FSS Filmbildung
Prof. Jens Becker ist Drehbuchautor für Dokumentar- und Spielfilme und seit 2004 Professor für Drehbuch an der Filmuniversität KONRAD WOLF Potsdam-Babelsberg. Er gibt regelmäßig Workshops als freier Dozent zu den Themen Drehbuch, Dokumentarfilm, Spielfilm, Neue Medien und Medienkompetenz, zum Beispiel beim Grimme-Institut Leipzig, Filmarche Berlin, Kulturelle Filmförderung Mecklenburg-Vorpommern, science2movie-Academy der Martin-Luther-Universität Halle. Außerdem ist er Autor mehrerer Publikationen zu Stoff- und Figurenentwicklung.
Martin Dorr | FSS Filmbildung
Martin Dorr ist seit 2017 Lehrer für Deutsch, DS und das Wahlpflichtfach Film an der Carlo-Schmidt-Sekundarschule in Berlin-Spandau. Davor war er als Schauspieler in TV-Produktionen und auf verschiedenen deutschen Bühnen zu sehen. Als Regisseur und Postproduction Supervisor betreute er Dokumentarfilme, als Cutter schnitt er Berlinale-Berichte für die ARD. Seine Ausbildung absolvierte Dorr an Schauspielschulen in Bremen, Hamburg und Los Angeles. An der Universität Bremen hatte er Deutsch, Soziologie und Kulturwissenschaften mit einem Magister abgeschlossen, an der UdK schließlich seine Lehramtsausbildung. Er ist Co-Autor des Berliner „Handlungs- und Orientierungsrahmen Filmbildung“ zum BC Medienbildung.
Dr. Jon Echeverria | FSS Filmbildung
Dr. Jon Echeverria studierte bildende Kunst und Philosophie in Bilbao und Madrid und promovierte im Fachgebiet Ästhetik und Kunsttheorie an der Universität Pompeu Fabra (Barcelona). Beruflich war er an verschiedenen Kunst-, Ausstellungs- und Forschungsprojekten tätig. Seit 2015 ist er Leiter des internationalen Filmbildungsprogramms für Schulen Cinema en curs – Filmen macht Schule in Deutschland. Dieses Programm verbindet Filmrezeption ausgewählter Arthaus-Filmausschnitte im Klassenzimmer mit der praktischen Umsetzung von Filmübungen, die in die Konzeption und Realisierung eines gemeinsamen Dokumentarfilmprojekts münden. Er leitet auch in Deutschland das internationale Filmbildungsprogramm Moving Cinema.
Susanne Foidl | FSS Filmbildung
Susanne Foidl ist Diplom-Schnittmeisterin. Nach ihrem Studium in den 90ern an der Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf (HFF) arbeitete sie als freie Editorin und ist inzwischen als Lehrkraft für besondere Aufgaben an die Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF zurückgekehrt. Susanne Foidl ist auch die Gleichstellungsbeauftragte der Filmuniversität und lehrt im Studiengang Montage. Sie beschäftigt sich schon lange mit der Genderkonstruktion in Filmwerken mit Fokus auf die Montage und erforscht darin - oft gemeinsam mit Studierenden - wie wir unsere Urteile im der künstlerischen Praxis überprüfen können und uns dabei selbst auf die Schliche kommen.

Referent*innen

Dr. phil. Bettina Henzler | FSS Filmbildung
Bettina Henzler ist wissenschaftliche Mitarbeiterin des Instituts für Kunstwissenschaft und Kunstpädagogik der Universität Bremen und Dozentin an der Filmuniversität Babelsberg. Seit 2000 arbeitet sie als Projektleiterin, Referentin und Autorin im Bereich Film und Vermittlung. Gemeinsam mit Winfried Pauleit hat sie Alain Bergalas Essay „Kino als Kunst" (2006) sowie die Sammelbände „Filme sehen, Kino verstehen" (2009), „Vom Kino lernen" (2010) und „Kino und Kindheit. Figur – Perspektive –Regie“ (2017) herausgegeben
Beate Rabe | FSS Filmbildung
Die Kunst- und Kulturwissenschaftlerin Beate Rabe ist seit 2006 am Filmmuseum Potsdam für Filmbildung und Museumspädagogik zuständig.
Ines Thomsen | FSS Filmbildung
Ines Thomsen war und ist als freiberufliche Kamerafrau an Dokumentar- und Spielfilmprojekten im In- und Ausland beteiligt. Für ihre Kameraarbeit wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Seit 2009 unterrichtet sie Kinematografie für nonfiktionale Genres – derzeit als Vertretungsprofessorin im Studiengang Cinematography an der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF.

Zielgruppe

Die Summer School Filmbildung ist eine schul- und fächerübergreifende Fortbildung für Lehrerinnen und Lehrer, die in ihrem schulischen Alltag mit filmischen Mitteln und über Film unterrichten möchten. Für die Teilnahme werden keine filmischen Vorkenntnisse vorausgesetzt.

Kontakt

Die Summer School Filmbildung wird unterstützt durch das Ministerium für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg