Was passiert mit Musik und Film, wenn nicht nur einzelne Arbeitsschritte, sondern zunehmend auch kreative Prozesse automatisiert werden können? Und was bedeutet das für Nachwuchs, Urheber:innen und kulturelle Vielfalt? Zwei Tage lang diskutierten und erprobten Expert:innen aus Musik, Film, Wissenschaft, Recht und Kreativwirtschaft beim bundesweiten Kongress AI Soundscapes an der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF die Möglichkeiten und Konsequenzen Künstlicher Intelligenz.
Bereits zum Auftakt beschrieb Prof. Dieter Gorny, Gründer der Popkomm und des Musiksenders VIVA und langjähriger Akteur der deutschen Musik- und Kreativwirtschaft, die Bruchlinien zwischen Kreativität, Echtheit und Originalität, die durch generative KI neu sichtbar werden. Dabei rückte er insbesondere den Respekt innerhalb der Wertschöpfung in den Fokus. Eine Frage, die sich durch beide Kongresstage zog: Wer profitiert von den neuen Möglichkeiten und was passiert mit denen, deren kreative Arbeit die Grundlage dafür bildet? Im Abschlusspanel machte sich Matthias Hornschuh für kulturelle Souveränität stark. Die Auseinandersetzung mit KI sei nicht nur ein Kulturthema, sondern berühre unmittelbar kulturelle Identität und die Frage, wer künftig über Inhalte und Wertschöpfung bestimmt.
Auch Brandenburgs Wissenschaftsministerin Dr. Manja Schüle stellte am zweiten Kongresstag die gesellschaftliche Dimension heraus: „Wem gehören die Werke, mit denen diese Systeme trainiert werden? Wem gehört eine geklonte Stimme? Wie werden Urheberinnen und Urheber finanziell beteiligt? Ob KI dem Menschen dient oder ihn bestimmt, ist keine technische, sondern eine politische und kulturelle Frage, die wir alle miteinander beantworten müssen.“ (zur Pressemitteilung des MWFK)
Eine zentrale Frage der beiden Kongresstage war, was verloren geht, wenn KI nicht nur Routineaufgaben übernimmt, sondern den kreativen Prozess selbst ersetzt. Derek von Krogh, künstlerischer Direktor und Geschäftsführer der Popakademie Baden-Württemberg, stellte die Frage, ob KI vor allem ein nützliches Werkzeug für bereits etablierte Kreative ist, während sie für den Nachwuchs zur existenziellen Herausforderung werden könnte. Wenn Einstiegsjobs automatisiert werden, fehlen jungen Musiker*innen und Produzen*:innen möglicherweise genau die Erfahrungen, auf denen professionelle und künstlerische Entwicklung aufbaut.
Auch der Musiker und Produzent Brian Smith plädierte dafür, den Prozess des Musikmachens selbst nicht aus dem Blick zu verlieren. KI könne unterstützen, die Entscheidung zu gestalten, zu üben, auszuprobieren und Musik tatsächlich zu machen, lasse sich aber nicht auf das Ergebnis eines Prompts reduzieren. In mehreren Sessions wurde entsprechend diskutiert, wie KI als Assistenzwerkzeug genutzt werden kann, ohne menschliche Entscheidung und kreative Praxis zu ersetzen. Wie das konkret aussehen kann, wurde in Workshops, Deep Dives und Live-Demonstrationen erprobt. Jovanka von Wilsdorf zeigte anhand eigener Experimente u.a. an ihrer Roboterin Sophia the Robot Möglichkeiten und Grenzen aktueller Systeme. Gerade Improvisation bleibt eine besondere Herausforderung. Portrait XO (Rania Kim) brachte eine internationale künstlerische Perspektive auf KI-gestützte Musik, Data Sonification, Autorenschaft und kulturelle Verantwortung ein. Beim Live-Konzert im Lindenpark wurde die Auseinandersetzung mit KI schließlich auch auf der Bühne erlebbar.
Die Diskussionen mündeten damit nicht in eine einfache Position für oder gegen KI. Vielmehr ging es um die Verantwortung, die bei Kreativen, Institutionen, Plattformen, Politik und Publikum bleibt: Welche Werkzeuge wollen wir nutzen? Welche Formen von Wertschöpfung unterstützen wir? Wie machen wir kreative Prozesse sichtbar? Und wie vermitteln wir dem Nachwuchs neben technologischen Fähigkeiten auch den rechtlichen und gesellschaftlichen Kontext?
„Die zwei Tage haben gezeigt, dass wir die Veränderungen durch KI nicht innerhalb einzelner Disziplinen verhandeln können. Wir müssen weiter kritisch reflektieren, kreative Prozesse sichtbar machen und neue Allianzen zwischen Kunst, Technologie, Wissenschaft, Recht und Politik bilden. AI Soundscapes war dafür ein Anfang. Jetzt geht es darum, diesen Austausch weiterzuführen“, sagt Chandra Fleig, künstlerischer Leiter von AI Soundscapes.
Rund 150 Teilnehmende aus dem gesamten Bundesgebiet und dem Ausland kamen für AI Soundscapes nach Potsdam. Mehr als 30 Programmpunkte in drei parallelen Tracks verbanden Keynotes und Panels mit Workshops, Deep Dives, Live-Demonstrationen und künstlerischen Formaten.
AI Soundscapes fand am 11. und 12. September 2026 an der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF statt. Der Kongress wurde vom Zentrum Pop, einem Projekt der SPI A&Q gGmbH, in Zusammenarbeit mit der Filmuniversität initiiert. Die künstlerische Leitung lag bei Chandra Fleig. Kooperationspartner waren die Popakademie Baden-Württemberg, ImPuls Brandenburg, Landesverband für Popularmusik, Festivals und Soziokultur, sowie Pro Musik, Verband freier Musikschaffender. Gefördert wurde der Kongress durch die Initiative Musik gemeinnützige Projektgesellschaft mbH mit Projektmitteln des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien sowie mit Mitteln des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kultur und des Ministeriums der Justiz und für Digitalisierung des Landes Brandenburg.

