Die Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF trauert um Rosa von Praunheim, der in der Nacht zum 17. Dezember 2025 im Alter von 83 Jahren in Berlin verstorben ist. Mit ihm verliert die deutsche Filmlandschaft einen ihrer prägendsten Künstler, Aktivisten und Lehrer der Nachkriegsgeschichte.
Von 1999 bis 2006 lehrte Rosa von Praunheim als Professor für Regie an der Hochschule für Film und Fernsehen und heutigen Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF. Seine Lehrtätigkeit war jedoch weit mehr als akademischer Unterricht. Er verstand Film als persönlichen Ausdruck und forderte den filmischen Nachwuchs konsequent dazu auf, die eigene Biografie auch mit ihren Widersprüchen sowie die persönliche Haltung zur Welt filmisch zu reflektieren. Dabei war er zugleich fordernd und ermutigend, kompromisslos in seinen Ansprüchen und großzügig in seiner Unterstützung. „Geschult und gestählt“ hat er seine Studierenden und sie dankten es ihm auch filmisch. Die Filmuni-Alumni Axel Ranisch und Robert Thalheim drehten zusammen mit Tom Tykwer, Chris Kraus und Julia von Heinz den Dokumentarfilm „Rosakinder“, in der alle ihre Beziehung zum „Filmvater“ und Mentor aufarbeiten. „Machen. Machen. Machen. Das war seine Medizin für mein bürgerliches Gezaudere. Dafür werde ich diesem Gesamtkunstwerk auf ewig dankbar sein“ , so Robert Thalheim dort über seinen Professor und Axel Ranisch reflektiert. „Rosa hat mir Mut gemacht, mich auf ein Treppchen gestellt und wieder runtergeholt, mir Vertrauen geschenkt, mich gefördert und gefordert, den Weg in die Filmbranche geebnet, mich angestachelt, unter Druck gesetzt, mich wütend gemacht, zum Lachen gebracht, nie im Stich gelassen und getröstet, wenn ich Hilfe brauchte. Für mich hätte es keinen besseren Professor als ihn geben können und deshalb wird er es auch für immer bleiben: mein Prof. Rosa von Praunheim“.
Dass er gerade auch in herausfordernden Zeiten verlässlich Unterstützung leistete, zeigte nicht zuletzt „Rosas Ferienlager“ - sein Angebot für Studierende in Corona-Zeiten. Unter dem Motto „Schreit Eure Sehnsucht heraus, aber nie ohne Kamera!“ lud der „weise greise Prof. Rosa von Praunheim“ Studierende dazu ein „die Krise positiv zu nutzen“ und unter den erschwerten Bedingungen der Lehre im Lockdown „kreative Energie freizusetzen, alle Sinne zu öffnen und aus der Nichtverfügbarkeit neue Möglichkeitsräume zu erzeugen“.
Geboren 1942 in Riga entwickelte Rosa von Praunheim - bürgerlich Holger Bernhard Bruno Mischwitzky - früh eine künstlerische Haltung, die Unangepasstheit, Provokation und persönliche Offenheit miteinander verband. Nach abgebrochenem Gymnasium und abgebrochener Lehre studierte er in Offenbach und West-Berlin Kunst. Das Pseudonym nahm er in den Sechzigerjahren an – in Erinnerung an den »Rosa Winkel«, den Homosexuelle im KZ tragen mussten, und den Frankfurter Stadtteil Praunheim, in dem er als Jugendlicher lebte. Seit dieser Zeit schuf er ein außergewöhnlich umfangreiches Werk aus Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilmen sowie literarischen Arbeiten. Sein Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ (1971) gilt als Meilenstein des queeren Kinos und als wichtiger Impuls für gesellschaftliche Emanzipationsbewegungen in Deutschland, mit „Stadt der verlorenen Seelen“ (1983) und „Transsexual Menace“ (1996) realisierte er die ersten deutschen Filme über transidente Menschen und auch mit seiner „Aids-Trilogie“ machte er Schlagzeilen – um nur einige wenige Beispiele zu nennen. Sein jahrzehntelanges Engagement für die Rechte Homosexueller und seine umfangreiche Arbeit in Film und Theater, die maßgeblich zur Sichtbarkeit der LGBTQ+-Community beigetragen hat wurden 2015 mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet.
Rosa von Praunheim hinterlässt nicht nur ein künstlerisches und pädagogisches Vermächtnis von bleibender Bedeutung. Sein Mut zur Offenheit, sein politisches Bewusstsein und seine leidenschaftliche Hingabe an den Film werden weiterwirken - auch in den Arbeiten seiner Studierenden.


