Während Diskurse über filmische und mediale Erinnerungsformen lange maßgeblich von der Auseinandersetzung mit dem Holocaust geprägt waren, weisen sie heute weit darüber hinaus. In einer Zeit, in der Erinnerung vielfach medial vermittelt wird, birgt kritische Erinnerungsarbeit vielmehr das Potenzial, die Resilienz einer demokratischen Gesellschaft zu stärken. Die Auseinandersetzung mit jüdischer Filmgeschichte und jüdischem Filmerbe aber auch die Erforschung filmischer Erinnerung sowie die Entwicklung medialer Erinnerungsprojekte im Allgemeinen sind in den letzten Jahren zum Inhalt vielfältiger Projekte geworden und haben sich so zu einem eigenständigen Schwerpunkt an der Filmuniversität entwickelt.
Um diese Aktivitäten institutionell zu verankern und zu stärken wurde das „Zentrum Jüdischer Film & Audiovisuelles Erinnern (ZJF&AE)“ ins Leben gerufen. Als inter- und transdiziplinäre Plattform für Forschung, Transfer und Weiterbildung will es Brücken schlagen zwischen wissenschaftlicher, angewandter und künstlerischer Forschung sowie kuratorischer Praxis, Beratung, Fortbildung,Vermittlung und gesellschaftlichen Diskursen. Das Engagement fußt auf drei thematischen Säulen: Neben"Jüdischer Filmforschung" sowie "Audiovisueller Erinnerung" kommt als drittes Themenfeld "Antisemitismus und Film" hinzu.
Zum Jahresbeginn wurde Prof. Dr. Lea Wohl von Haselberg als Professorin für Jüdischen Film und Audiovisuelle Erinnerung berufen. An die Professur ist die Aufgabe gebunden das Zentrum aufzubauen und wissenschaftlich zu leiten. Die anderen Gründungsprofessor*innen, die gemeinsam den Vorstand bilden, sind Prof. Dr. Daniela Schlütz, Prof. Dr. Chris Wahl und Prof. Dr. Björn Stockleben. Der Aufbau des Zentrums wird im Rahmen des Hochschulvertrags mit dem Wissenschaftsministerium aus Landes- sowie aus Drittmitteln finanziert.
Prof. Dr. Lea Wohl von Haselberg: "Jüdische Filmforschung ist ein Feld, in dem ich seit Jahren arbeite und das ich entsprechend beobachte. Dort entstehen innovative wissenschaftliche Ansätze, die aber vielfach sehr verstreut sind und gleichzeitig gibt es noch wahnsinnig viele Forschungslücken - man könnte sagen: es gibt in diesem Bereich viel Potential und ebenso viel zu tun. Gleichzeitig ist Autonomie für diese Forschung immens wichtig, weil sie immer wieder tagespolitisch in Anspruch genommen wird und wir hier nicht nur thematischen Engführungen widerstehen, sondern auch die Funktionalisierung jüdischer Themen in filmischen Darstellungen selbst zum Gegenstand machen müssen. Insofern freue ich mich sehr, dass wir mit dem Zentrum heute noch mehr Sichtbarkeit und Mandat für unsere Arbeit erhalten, in diesem Bereich etwas aufzubauen."
„Es ist eine der Aufgaben von Hochschulen, mit den Mitteln der Wissenschaft und der Kunst fundierte und unabhängige Beiträge zum gesellschaftlichen Diskurs zu liefern. Wir als Filmuniversität, die wir um die Macht der bewegten Bilder wissen, weil wir diese lehren und erforschen, sehen dies als unsere besondere Verpflichtung. Audiovisuelles Erinnern ist die Grundlage für Diskurse der Gegenwart und für die Gestaltung der Zukunft. Filmische Bilder speisen unser kollektives Gedächtnis. Das gilt für die jüdische Erinnerungskultur, das gilt für das Erinnern unserer deutsch-deutschen Geschichte und viele Beispiele mehr. Das neue Zentrum mit den Forschungs-, Transfer- und Bildungsaktivitäten der Beteiligten stellt sich der Komplexität von Zusammenhängen und wird auch Beiträge leisten zur Versachlichung von Debatten, die im öffentlichen, politischen und medialen Raum zum Teil einseitig und verkürzt geführt werden. Ich freue mich, dass wir heute den offiziellen Startschuss geben können“, ergänzt Filmuni-Präsidentin Prof. Dr. Susanne Stürmer.

