Der M.A. Filmkulturerbe-Kanon

Ein längerfristig angelegtes Projekt des Studiengangs Filmkulturerbe ist die Erstellung eines eigenen Filmkanons. Hierfür wird jede:r Student:in dazu aufgerufen, bis spätestens zum Ende des Studiums ein Werk der deutschen oder internationalen Filmgeschichte - völlig frei von jeglichen inhaltlichen oder formellen Einschränkungen - einzureichen und dabei kurz zu begründen, warum sie oder er diesen Film für besonders künstlerisch, historisch und/oder (kultur)politisch wertvoll und deshalb für aufnahmewürdig hält. Auf diese Weise entsteht im Lauf der Jahre eine stetig wachsende „Best of“-Liste, die zugleich eine gewisse Aussagekraft über die Studierenden - ihre unterschiedlichen Hintergründe und Interessen - besitzt.

Die Filme

SUNRISE – A SONG OF TWO HUMANS (SONNENAUFGANG – LIED ZWEIER MENSCHEN, USA, 1927, F.W. Murnau) ausgewählt von María José Rosales Robles (Jg. 2018/19)

„Der Film ist ideal für diejenigen, die glauben, dass es sie langweilen wird, einen Stummfilm aus den 1920er Jahren zu schauen; das war bei mir der Fall, bevor ich diesen Film gesehen habe, und egal, wie oft ich ihn mir anschaue, er hört nicht auf, mich zu bewegen.“

MORGEN BEGINNT DAS LEBEN (D, 1933, Werner Hochbaum) ausgewählt von Fabian Schmidt (Jg. 2015/16)

„Ein unterhaltsamer, auch heute noch sehenswerter, bisher leider nicht auf DVD veröffentlichter (aber auf archive.org vorhandener) Film des unvergesslichen, aber heute weitgehend unbekannten deutschen Regisseurs Werner Hochbaum, der ein idealer Einstieg in den frühen deutschen Tonfilm ist.“

BIRUMA NO TATEGOTO (DIE HARFE VON BURMA, Japan, 1956, Kon Ichikawa) ausgewählt von Ilaria Pompei (Jg. 2015/16)

„Ein pazifistischer Film zur Verarbeitung der Schrecken des Zweiten Weltkriegs, der ohne blutige Szenen die Entwicklung des Protagonisten vom japanischen Soldaten zum buddhistischen Mönch schildert und somit die emotionale Dimension in den Vordergrund stellt.“

ELTÁVOZOTT NAP (DAS MÄDCHEN, Ungarn, 1968, Márta Mészáros) ausgewählt von Henrike Okrent (Jg. 2018/19)

„Junge Frauen legen Pfeil und Bogen an und feuern ab: Dieser kraftvolle Prolog bugsiert uns direkt ins Ungarn der 60er Jahre und zur modernen, selbstbewussten Erzsi, welche sich auf die Suche nach ihren familiären Ursprüngen macht – zwischen emanzipierter und liberaler Jugendkultur Budapests auf der einen Seite und der traditionellen Familienkultur in ländlicheren Räumen auf der anderen; mit vielen Zwischentönen und klugen wie witzigen Beobachtungen entfaltet sich ein starker Auftakt zu einer ganzen Reihe feministischer und Gegenkultur-Filme der großartigen Márta Mészáros, die als Vertreterin des ungarischen Films bekannt und gefeiert ist und deren Filme dennoch viel zu wenig zugänglich sind.“

ZOMBI 2 (WOODOO – DIE SCHRECKENSINSEL DER ZOMBIES, Italien, 1979, Lucio Fulci) ausgewählt von Tom Rosenkranz (Jg. 2018/19)

„Ein in Deutschland erbarmungslos zensierter Horrorklassiker, der auch in den hiesigen Kinos sehr erfolgreich lief und für alle, die an der Arbeitsweise der italienischen, international ausgerichteten Filmproduktion seit den 1960ern interessiert sind, einen blutigen und unterhaltsamen Einstieg bietet.“

YOL (YOL – DER WEG, Türkei, 1982, Yılmaz Güney) ausgewählt von Ruben Treiber (Jg. 2016/17)

„Neben der bedrückenden Schilderung verschiedener Formen von Unterdrückung, bietet YOL aus einer filmhistorischen Perspektive eine ebenso herausstechende Entstehungs- wie Auswertungsgeschichte; in einer Szene mit drastisch wechselnden Beleuchtungsverhältnissen gerät der Film an die Grenzen seiner Materialität.“

KHANE-YE DOUST KODJAST? (WO IST DAS HAUS MEINES FREUNDES?, Iran, 1987, Abbas Kiarostami) ausgewählt von Carl Lehmann (Jg. 2017/18)

„Dieser wundervolle Film begibt sich auf eine cineastische Odysee, auf der er einen Schuljungen begleitet, der gegen alle Widrigkeiten versucht, das Arbeitsheft seines Freundes zurückzubringen, und bietet dabei sowohl einen faszinierenden, emotionalen und poetischen Einstieg in die Vielschichtigkeit des iranischen Kinos als auch – durch seine Erzählperspektive gerade auch für junge Menschen – einen einladenden Zugang zum künstlerischen Film an sich.“

LA HAINE (HASS, Frankreich, 1995, Mathieu Kassovitz) ausgewählt von Julian Gruß (Jg. 2015/16)

„Der episodisch flanierende Film porträtiert einen fiktiven Tag im Leben von Jugendlichen der Pariser Banlieues – inkl. Straßenschlachten mit der Polizei, alltäglichem Rassismus und Klassismus der französischen Gesellschaft sowie Gegensätzen zwischen Vorstadt und Lifestyle-Metropole – und liefert dabei nicht nur eine künstlerische Aufarbeitung realer Ereignisse, sondern auch ein Dokument multikultureller Subkultur in Form von Sprache, Musik und Identifikationsprozessen.“

ROSETTA (Belgien, Frankreich, 1999, Jean-Pierre und Luc Dardenne), ausgewählt von Aleksandra Miljkovic (Jg. 2016/17)

„Dieser Film über die junge Rosetta, die, um der Armut zu entkommen, hartnäckig darum kämpft, eine Arbeit zu finden, hat in Belgien die Verabschiedung eines Gesetzes zur Bekämpfung von Jugendarbeitslosigkeit – nach dem Film benannt als ‚Rosetta-Plan‘ – beschleunigt und somit die Kraft der Filmkunst, politische und soziale Veränderungen einzuleiten, verdeutlicht.“

LES GLANEURS ET LA GLANEUSE (DIE SAMMLER UND DIE SAMMLERIN, Frankreich, 2000, Agnes Varda) ausgewählt von Franziska Schiemann (Jg. 2016/17)

„Fragmentarisch, spielerisch, beobachtend, im Interesse an anderen Menschen, Denk- und Lebensweisen, zeigt der Film in Reiseepisoden, die sich fließend einander anschließen, das Sammeln zum Lebensunterhalt, manchmal zur Kunst, und rückt dabei auch Vardas eigenes Einsammeln von Bildern, Tönen und Erinnerungen in den Fokus.“

TEMPORADA DE PATOS (MEXICAN KIDS – TEMPORADA DE PATOS, Mexiko, 2004, Fernando Eimbcke) ausgewählt von Lucy Pizaña (Jg. 2017/18)

„Der Film ist eine Wiedergabe des Moments, in dem die Figuren in einer spontanen Beziehung zueinanderstehen und das einzige, was sie zusammenhält, die alltägliche Einsamkeit ist, die man in einer Stadt mit 22 Millionen Einwohnern fühlen kann.“

THE HALFMOON FILES (D, 2007, Philip Scheffner) ausgewählt von Anna Heizmann (Jg. 2016/17)

„Scheffners experimenteller Dokumentarfilm führt vor, wie historisches Bild- und Tonmaterial unter Berücksichtigung seiner jeweiligen inhaltlichen, materiellen und sinnlichen Qualitäten jenseits von reinen Evidenzbehauptungen kompiliert werden kann, wobei das politische Potential des Films weniger in seiner thematischen Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus liegt als in der Art und Weise, wie er mit genuin filmischen Mitteln im wahrsten Sinne des Wortes eine Vielstimmigkeit herstellt, ohne Angst vor Auslassungen das Hör- und Sagbare neuverhandelt und so festgeschriebene Machtverhältnisse ins Wanken bringt.“

HER (USA, 2013, Spike Jonze) ausgewählt von Daniel Körling (Jg. 2018/19)

„Das in der nahen Zukunft angesiedelte Filmdrama bezeugt den ubiquitären technologischen Wandel und die immer stärkere Verschmelzung dieser Prozesse mit den alltäglichen menschlichen Lebenswelten; zugleich verweist der Film auf die weiterhin fundamentale Kraft menschlicher Beziehungen.“

I AM NOT YOUR NEGRO (Frankreich/USA/Belgien/Schweiz, 2016, Raoul Peck) ausgewählt von Stella Dehne (Jg. 2016/17)

„In Form einer bestechenden Analyse der strukturellen Ursachen von Rassismus und der Repräsentation von Afro-Amerikanern*innen in der US-Kulturgeschichte zeigt I am not you Negro auf beeindruckende Weise, welch politische Kraft historisches Bildmaterial in der Gegenwart entfalten kann und darüber hinaus das strahlende Lächeln von James Baldwin.“

TALKING ABOUT TREES (Frankreich/Sudan/Deutschland/Tschad/Katar, 2019, Suhaib Gasmelbari) ausgewählt von Elena Hahn (Jg. 2016/17)

„Die Dokumentation begleitet vier alteingesessene Mitglieder des Sudanese Film Clubs, die sich mit viel Witz und trockenem Humor daran versuchen, ein altes Kino wiederzubeleben, was viele Einblicke in die sudanesische Film- und Kinokultur ermöglicht.“

KAZE NO TANI NO NAUSHIKA (Nausicäa aus dem Tal der Winde, Japan, 1984, Hayao Miyazaki) ausgewählt von Nicole Bader (Jg. 2018/19)

„Der Film, der mit seinem Erfolg die Entstehung des heute weltbekannten Studios Ghibli begründete, offenbart in ausdrucksstarken Zeichnungen die Idiotie des Krieges, den Überlebenswillen der Menschen und die Kraft der Natur im Kontext einer menschenfeindlich gewordenen postapokalyptischen Welt, in der sich - für Miyazaki typisch - die weibliche Heldin zu navigieren weiß.“

LOVE IN THE AFTERNOON (USA, 1957, Billy Wilder) ausgewählt von Marisa Menzel (Jg. 2018/19)

„Eine Komödie des für kokette Dialoge und feinsinnigen Humor bekannten Altmeisters Billy Wilder, die eher zu seinen unbekannteren Werken gehört, da der Film, obwohl von der ersten bis zur letzten Minute stimmig und opulent ausgestattet inszeniert, aufgrund des großen Altersunterschieds der Hauptdarsteller Audrey Hepburn und Gary Cooper kein Kinoerfolg wurde.“

DES TEUFELS NACKTE TOCHTER (BRD, 1965/66, Heinz Gerhard Schier) ausgewählt von Jens Ole Lorenzen (Jg. 2019/20)

„Die einzig bekannte Kopie dieses auch unter dem Wiederaufführungstitel DIE NACKTE UND DER PORNO-TEUFEL vergessenen Kunstwerks befindet sich in einem Zustand, in dem sie niemals wieder vorgeführt oder jemals digitalisiert werden kann, weshalb voraussichtlich nichts von ihm bleiben wird als der Verriss des katholischen Filmdienstes samt pädagogischer Empfehlung (»wir raten ab«) sowie die hiermit erfolgte offizielle Kanonisierung.“

HIROSHIMA MON AMOUR (F, 1959, Alain Resnais) ausgewählt von Niki Argiropoulou (Jg. 2017/18)

„Ein historisch klar verorteter, aber zeitloser Film über die innere Zerrissenheit zweier Menschen, die in ihrer eigenen Vergangenheit leben, traumatisiert von den Schrecken des Krieges – ein Plädoyer für die Verletzlichkeit des Menschen und seines kulturellen Erbes.“

PIXOTE: A LEI DO MAIS FRACO (Asphalt-Haie, Brasilien, 1980, Héctor Babenco) ausgewählt von Thembi Linn Hahn (Jg. 2017/18)

„PIXOTE schafft es, mit intensiver Bildsprache, Mut und Authentizität die Grausamkeit unserer Realität schonungslos zu offenbaren und dabei einen „Wirklichkeitseffekt" zu erzeugen, der tief im Körper des Zuschauers seine Spuren hinterlässt, der emotional wie physisch schmerzt, sodass es lange dauert, den Weg zurück in den Alltag zu finden.“

BERLINER BALLADE (Deutschland, 1948, Robert A. Stemmle) ausgewählt von Fabian Wistuba (Jg. 2017/18)

„Melancholisch und humorvoll zugleich reflektiert dieser Trümmerfilm des frühen deutschen Nachkriegskinos auf satirisch-kritische Weise die drängenden gesellschaftspolitischen Probleme in den Besatzungszonen des zerstörten Berlins und wirkt – obwohl weitgehend vergessen – durch seinen Protagonisten Otto Normalverbraucher bis heute nach.“

THE DARK CRYSTAL (USA/GB, 1982, Jim Henson) ausgewählt von Maximilian Breckwoldt (Jg. 2019/20)

„Mit THE DARK CRYSTAL schufen Jim Henson und Frank Oz ein Werk, das von mythologischer Vielschichtigkeit erfüllt eine emotional reife Geschichte erzählt, die sowohl Erwachsenen als auch Kindern die Bedeutung kommunalen Zusammenhalts im Angesicht einschneidender Ereignisse vermittelt.“ 

MUJERES AL BORDE DE UN ATAQUE DE NERVIOS (Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs, Spanien, 1988, Pedro Almodóvar) ausgewählt von Laura Reboredo Raposo (Jg. 2016/17)

„Die Tragikomödie, deren Drehbuch der Regisseur gemeinsam mit Jean Cocteau verfasst hat, ist das Spiegelbild eines Landes, das gerade eine lange Diktatur hinter sich gelassen hat: bunt, explosiv, lebensfroh, aber auch voller Traumata und Wunden, die es zu heilen gilt.“ 

THE DECLINE OF WESTERN CIVILIZATION (USA, 1981, Penelope Spheeris) ausgewählt von Magnus Knoll (Jg. 2020/21)

„Ein Punkfilm wie kein zweiter: Penelope Spheeris‘ radikal-direkter Blick in die urbane (Vor-)Stadthölle von Los Angeles um 1980 verströmt eine tiefe Traurigkeit, gemischt mit unbändiger Energie und einer Fuck-Off-Attitüde zu einem Stück Zeit- und Musikgeschichte, deren Atmosphäre so dicht ist und deren Protagonisten uns so nah sind, als würden wir mitten im circle pit den Ritualen einer von allen verlassenen, nur noch sich selbst habenden lost generation beiwohnen.“ 

LA GRANDE BELLEZZA (Die große Schönheit, Italien, 2013, Paolo Sorrentino) ausgewählt von Leona Schwarzer (Jg. 2020/21)

„Dieser Film ist eine äußerst gelungene Hommage an Federico Fellinis LA DOLCE VITA (1960), die vom Leben des in die Jahre gekommenen Protagonisten Jep Gambardella erzählt und mit opulenten, hypnotisierenden Bildern über Reichtum und Armut, Schönheit und Hässlichkeit sowie über Sinn- und Sinnlosigkeit des menschlichen Daseins philosophiert.“